Fer­men­tieren: Was es ist und wie es funktioniert?

Fermentieren: Trend oder mehr?
Eine alte Kon­ser­vie­rungs­me­thode kehrt zurück. Warum fer­men­tierte Le­bens­mittel mehr können als nur länger haltbar zu sein. Annina Pauli vom Er­näh­rungs­zentrum im In­terview mit Petra Koci von der Glückspost. 

Sau­er­teigbrot, Jo­ghurt, Kom­bucha oder Kimchi – fer­men­tierte Le­bens­mittel sind heute buch­stäblich in aller Munde. Viele denken dabei zuerst an Sau­er­kraut, wie wir es be­sonders im Herbst kennen und schätzen.

Mi­kro­or­ga­nismen an der Arbeit 

Tat­sächlich ge­hören aber auch zahl­reiche weitere Le­bens­mittel dazu, die bei uns re­gel­mässig auf den Tisch kommen: zum Bei­spiel Kä­se­sorten wie Ca­membert, Kefir, So­ja­sauce, Essig, Bier, Wein oder sogar Kaffee. Fer­men­tation be­deutet Gärung. Dabei ver­ändern Mi­kro­or­ga­nismen wie Milch­säu­re­bak­terien, Hefen oder Pilze Le­bens­mittel auf na­tür­liche Weise. Diese sind ent­weder be­reits von Natur aus vor­handen oder werden ge­zielt hin­zu­gefügt. «Die Mi­kro­or­ga­nismen ver­stoff­wechseln zum Bei­spiel Zucker oder andere na­tür­liche Be­stand­teile der Le­bens­mittel. Dabei ent­stehen unter an­derem Säuren wie Milch­säure, Gase oder Al­kohol», sagt Annina Pauli vom Er­näh­rungs­zentrum Zürich. Gleich­zeitig ver­ändern sich Ge­schmack und Kon­si­stenz, und die Le­bens­mittel bleiben im sauren Milieu länger haltbar. Es gibt ver­schiedene Arten der Fer­men­tation. Bei der al­ko­ho­li­schen Gärung ent­stehen Wein oder Bier, bei der Es­sig­säu­re­gärung Essig. Be­sonders ver­breitet ist die Milch­säu­re­gärung: Na­tür­liche Milch­säu­re­bak­terien kon­ser­vieren etwa rohes Gemüse ganz ohne Er­hitzen. So ent­stehen bei­spiels­weise Sau­er­kraut oder das in Korea und bei jungten Leuten so be­liebte Kimchi, wor­unter tra­di­tionell Chi­nakohl und ko­rea­ni­scher Rettich –zu ver­stehen ist.

Mi­ne­ral­stoffe werden besser aufnehmbar

Fer­men­tation bietet gleich mehrere Vor­teile: Sie macht Le­bens­mittel lange haltbar und hilft, Reste sinnvoll zu ver­werten. Zudem sind fer­men­tierte Le­bens­mittel für die meisten Men­schen besser ver­daulich. «Man kann sich die Fer­men­tation wie eine Vor­ver­dauung vor­stellen. Die Mi­kro­or­ga­nismen spalten be­stimmte Be­stand­teile be­reits auf und ent­lasten da­durch die Ver­dauung», so die Er­näh­rungs­be­ra­terin BSc. «Gleich­zeitig werden bio­aktive Sub­stanzen wie Phytin­säure teil­weise ab­gebaut. Da­durch können Mi­ne­ral­stoffe wie Eisen und Zink besser auf­ge­nommen werden.» In ein­zelnen Fällen ent­stehen während der Fer­men­tation zudem zu­sätz­liche Nähr­stoffe wie etwa B‑Vitamine. «Das gilt aber nicht für alle fer­men­tierten Le­bens­mittel. Ent­scheidend ist, welche Mi­kro­or­ga­nismen am Fer­men­ta­ti­ons­prozess be­teiligt sind.» So weist bei­spiels­weise Kefir im Ver­gleich zur Milch mehr Fol­säure (Vitamin B9) auf. 

Gut für Darm und Abwehrkräfte

Auch in­ter­essant: Fer­men­tierte Le­bens­mittel können das Darm-Mi­krobiom zu­mindest kurz­zeitig po­sitiv be­ein­flussen. «Sind le­bende Mi­kro­or­ga­nismen vor­handen, können sie den Darm vor­über­gehend be­siedeln und die Vielfalt der Darm­bak­terien fördern», weiss die Er­näh­rungs­be­ra­terin. «Es ist aber nicht ge­si­chert, dass das dau­erhaft ist.»

Das kann zum Bei­spiel bei Na­tur­jo­ghurt mit le­benden Kul­turen, Kefir oder nicht pa­steu­ri­siertem fer­men­tiertem Gemüse der Fall sein. Bei ge­backenem Sau­er­teigbrot oder ge­kochtem Sau­er­kraut sterben die Mi­kro­or­ga­nismen durch das Er­hitzen ab.

Wann ist Vor­sicht angebracht?

Nicht für alle sind fer­men­tierte Le­bens­mittel gleich gut ge­eignet. «Men­schen mit einer Hist­amin­in­to­leranz sollten sie vor­sichtig aus­pro­bieren, da während der Fer­men­tation Histamin ent­steht und Be­schwerden auf­treten können», so Annina Pauli. Auch bei Sod­brennen oder Reflux können säu­re­haltige Le­bens­mittel die Be­schwerden ver­stärken. Wer selbst fer­men­tiert, sollte sorg­fältig auf Hy­giene achten. Bildet sich Schimmel oder ent­stehen un­an­ge­nehme Ge­rüche, sollte das Le­bens­mittel ent­sorgt werden. Fer­men­tieren ver­bindet Tra­dition mit Nach­hal­tigkeit: Le­bens­mittel bleiben länger haltbar, Reste lassen sich ver­werten. Und ganz ne­benbei lassen sich span­nende neue Aromen entdecken.

Gemüse fer­men­tieren – leicht gemacht 

  • Festes Gemüse wie Ka­rotten, Kohl oder Rote Bete fein schneiden oder hobeln.

  • Gemüse mit 2–4 g Salz pro 100 g ver­mengen und kräftig kneten oder stampfen, bis Saft austritt.

  • Das Gemüse fest in ein Glas drücken und voll­ständig mit der ei­genen Flüs­sigkeit be­decken. Falls nötig, mit einer Salzlake auf­füllen (20–30 g Salz auf 1 Liter Wasser). 

  • Das Gemüse mit einem Ge­wicht unter der Flüs­sigkeit halten und das Glas locker ver­schliessen, damit Gase ent­weichen können.

  • Fünf bis sieben Tage bei Zim­mer­tem­pe­ratur fer­men­tieren lassen. Sobald das Gemüse an­genehm frisch und säu­erlich schmeckt und riecht, ist es bereit. Danach im Kühl­schrank auf­be­wahren. Dort ver­langsamt sich die Fer­men­tation, und das Aroma bleibt erhalten.

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